Wichtiger als die Kurras-Diskussion: Wie die DDR die Friedensbewegung manipulierte – von Anfang an
Juni 3, 2009 by osi
Tut mir leid, aber der Fall Kurras interessiert mich nicht. Ob die Geschichte der Beh-Err-Deh anders verlaufen wäre, wenn der Ohnesorg-Erschießer beizeiten als Stasi-Hiwi enttarnt worden wäre? Womöglich schon vor dem Schuss, 1965 nämlich, als ihm der Verfassungsschutz schon mal auf der Spur gewesen sein soll? Wäre, hätte, könnte. Wer sich immer noch an derlei Hypothesen abarbeitet, darf meines herzhaften Gähnens sicher sein.
Wichtiger, finde ich, ist dies: schon lange, bevor Kurras abgedrückt hatte, musste man nicht bei einem Geheimdienst gewesen sein, um zu wissen, dass so genannte fortschrittliche Kreise des Westens im großen Stil von der illegalen KPD (die 1968 zur DKP umgetopft wurde) und ihren diversen Tarn- und Vorfeldorganisationen unterwandert waren und dass dadurch politische Stimmungen des Westens in einem ganz erstaunlichem Ausmaß beeinflusst wurden. Was sie, die fortschrittlichen Kreise, bis heute nicht wahrhaben wollen…
Schon die erste deutsche „Friedensbewegung“ der Nachkriegszeit, die ihren Höhepunkt 1958 mit Ostermärschen und der Anti-Atomtod-Kampagne erreichte, war maßgeblich von Ostberlin gefingert, wie ehemalige KPD-Mitglieder, etwa das Ehepaar Ulrike Meinhof/Klaus Rainer Röhl, später enthüllten. Ulrike M. machte das nie öffentlich (aber mir, ihrem Schwager, gegenüber, schon mal). Um so mehr hat das, und zwar mit Farbe und Geruch, mein Bruder Klaus Rainer in seinen Büchern getan.
Ein Transmissionsriemen solcher Kampagnen war in den fünfziger und frühen sechziger Jahren die von den beiden redigierte, im linken Westmilieu sehr einflussreiche Monatszeitschrift „konkret“, die mit Summen von bis zu 40 000 Mark pro Ausgabe von der DDR subventioniert wurde. Diese Tatsache war sogar allgemein bekannt. Meine Lehrer zogen mich um 1965 an einem Gymnasium der norddeutschen Provinz ab und zu damit auf.
„Ihr Bruder kriegt Geld aus dem Osten, liest man?“
Für mich, damals, natürlich Faschosprüche. Nur Springerknechte konnten so was schreiben, nur Springerhörige es glauben. Im „Spiegel“ hatte ich nie ein Wörtchen davon gelesen. Also konnte an den Vorwürfen ja nichts dran sein. Erst viel später erfuhr ich betrübt, dass auch mein geliebtes „Sturmgeschütz der Demokratie“, wie so manche andere westdeutsche Publikation, sich gelegentlich in Ostberlin eingedeckt hatte. Nicht mit Geld allerdings, aber mit echten oder prima gefälschten Dokumenten, mit denen „revanchistische“ westdeutsche Politiker erledigt werden sollten.
„Konkret“ nabelte sich 1964 nach einem heftigen politischen Dissens von der DDR ab. Den westdeutschen DDR-Sympathisanten tat das weh, doch machten sie Business as usual. Ihre unbeirrbare Mission hieß: Volksfront aufbauen. Das sah so aus: nimmermüde Krypto-Kommunisten rekrutierten gutwillige, sehr blauäugige (manchmal auch schlicht alte und vertrottelte) westdeutsche Kirchenmänner, Pädagogen, Künstler, Sozialdemokraten, Jungsozialisten, Jugend- und Schriftstellerverbandsvorsitzende, Wissenschaftler, Gewerkschafter und andere Friedens- und Fortschrittsinteressierte für Aufrufe und Unterschriftslisten, die den gerade angesagten Interessen Ost-Berlins dienlich waren. Auch Politiker vom ultralinken Flügel der FDP (ja, den gab´s mal!) ließen sich in den siebziger Jahren nur zu gern vor den Kommunisten-Karren spannen.
Clever hielten sich die eingeschriebenen DKP-Leute dabei im Hintergrund; sie machten hauptsächlich Kärrnerarbeit. Wichtiger war das unverdächtige Vorfeld, das nicht direkt unter Hammer und Sichel firmierte. Die „Deutsche Friedens Union“ (DFU) der Meinhof-Ziehmutter Renate Riemeck erzielte zwar immer nur marginale Wahlergebnisse, kämpfte aber desto erfolgreicher an der Volksfront. Wer ein Who is who der Szene besichtigen wollte, musste nur auf das jährliche Pressefest der „UZ“ gehen, wo sie alle zusammenhockten: die DKP und die UZ und die DFU und die Kriegsdienstgegner und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und der Pahl-Rugenstein-Verlag und der Berliner Extra-Dienst und die Roten Blätter der DKP-Studentengarde MSB-Spartakus; der Musikverlag „pläne“ und die rheinische Band Bläck Fööss; linke Barden wie Süverkrüp, Wader und Degenhardt und, und, und. Da zog man sich kubanischen Rum und russischen Wodka rein und wuchs zusammen, irgendwie. Manche vom Radical chic faszinierte Promis, wie Franz Xaver Kroetz oder Martin Walser, machten allerdings schnell wieder den Abflug. Andere, wie der schriftstellernde Apo-Apologet Uwe Timm („Heißer Sommer“), blieben der DKP noch lange treu. Auch Timm trat irgendwann wieder aus. Hat aber, wie er sich so anhört, bis heute nichts kapiert.
So lachhaft die Bemühungen manchmal wirken – weder wurde die UZ jemals eine richtige Zeitung, noch kamen DKP oder DFU auch nur in Sichtweite der 5-Prozent-Hürde -, das hartnäckige Einflussagenten-Gerödel hatte Erfolg. Die große „Berufsverbot“-Kampagne etwa, welche die Bundesrepublik zumal in Ländern wie Holland oder in Skandinavien wirksam diskreditierte, wäre nicht ohne die Unterstützung von liberalen Promis und bürgerlichen Blättern möglich gewesen, welche nicht im Verdacht standen, DDR- Kommunisten nahe zu stehen. Den „Krefelder Appell“ gegen die Pershing-Raketenstationierung Anfang der 80er-Jahre, von einer aus Moskau und Ostberlin finanzierten Volksfront-Kaderabteilung mitorganisiert, ihn unterschrieben vier Millionen Westdeutsche. Der Entwurf des „Appells“ stammte von einem DKP-Mann namens Josef Weber; Mitautor (jedenfalls auf dem Papier) war Petra Kellys General a.D. Gerd Bastian. Von jenem Mann, der die Friedens-Heroine und sich selber später erschoss.
Waren das Zeiten!
Hunderttausende demonstrierten damals in Bonn und anderswo dafür, den russischen SS-20-Raketen nichts anderes entgegen zu setzen als den frommen Glauben an das Grundgute im russischen Problembären. Oder, wie es der Rocksänger Sting mit unnachahmlicher Einfalt zur Klampfe sang: „I hope the russians love their childen, too“.
Methoden und Ausmaß der Unterwanderung blieben keineswegs geheim. Als einmal ruchbar wurde – Anlass war, glaube ich, eine geplatzte Solidaritätserklärung für den aus der DDR geschassten Sänger Wolf Biermann -, dass fast die gesamte Jugendarbeit der IG-Metall von orthodoxen Kommunisten gesteuert wurde, sorgte das für Furore. Nicht nur in konservativen Blättern wurden damals Namen von Aktivisten, Tarnorganisationen und nützlichen Idioten öffentlich genannt. Auch demokratische Sozialisten, etwa der SPD-Linksabweichler Jochen Steffen, der einst von DDR-Agenten gekidnappte Gewerkschafter und hartnäckige Kritiker des „realen Sozialismus“ Heinz Brandt oder der wunderbare Lyriker Peter Rühmkorf, haben in linken Magazinen wie „dasda“ immer wieder auf den Kurs der DDR-U-Boote aufmerksam gemacht.
Auch die linken Sekten, Konkurrenten von DKP & Co., schliefen nicht. Wer etwa den „Arbeiterkampf“ des Kommunistischen Bundes (KB) las, bekam die Querverbindungen zwischen SED, DKP, DFU und ihren Satellitenorganisationen auf dem Tablett serviert, akkurat von fleißigen KBlern recherchiert und ständig aktualisiert.
Kurz, war ja alles bekannt. Wenn man es denn wissen wollte.
Wo man nie oder selten etwas zu dem Thema las, war in der linken und liberalen Presse. Nicht nur die „Frankfurter Rundschau“, die sich zeit- und streckenweise wie ein Pflichtblatt der DKP las, schwieg dazu beredt. Auch Magazine oder Blätter wie „ Die Zeit“ oder die „Süddeutsche Zeitung“. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten meldeten schon gar nichts über das muntere Treiben der Systemveränderer, außer mal bei Löwenthal. Aber der galt ja als Ultrarechter, musste man nicht ernst nehmen. Die emsige Westarbeit der DDR in der Bundesrepublik, sie war für die meisten unserer wackeren Recherchier-Journalisten nie ein Thema. Lieber verbissen sie sich in die vermeintliche Gefahr von Volkszählungen oder schwelgten später endlos in der Aufarbeitung von CDU-Spendenaffären; gerade so, als ginge dadurch die Demokratie unter.
Und die Buchverlage? Druckten Böll, Lenz, Wallraff und DKP-nahe „Arbeiterdichter“ oder die Manifeste linker Ideologen – aber mit Kusshand! Doch der Sozialist Heinz Brandt, den Stasi-Agenten auf dem Boden der Bundesrepublik betäubt, in die DDR verschleppt und als Opponenten des SED-Regimes in den Knast gesteckt hatten, fand nach seinem erkauften Transfer in den Westen lange keinen Verlag, der sein Buch „Ein Traum, der nicht entführbar ist“, verlegen mochte.
Die Aufarbeitung unserer jüngeren Medienvergangenheit, die Versumpfung der „bürgerlichen“ Westmedien im ostpolitischem Mainstream und die Erfolge der Stasi-Westarbeit sind ein Krimi, der für viele Folgen taugte. Er würde vielen recht weh tun. Material ohne Ende gibt es dazu bei Jochen Staadt (Forschungsverbund SED-Staat an der FU-Berlin) oder bei Christoph Stamm (Autor einer Studie über die Arbeit der DFU).
Kurras? Fußnote der Geschichte.







[...] zum Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Vasallen führte. Und natürlich ebnso wieder kein Wort über die kommunistischen Ursprünge dieser Bewegung, die von Beginn an von der DDR finanziert [...]
Vielen Dank für Ihren Hinweis auf den Krefelder Appell und den General a.D. Gerd Bastian. Eine Aufklärung über den Grund des nach der 89er Revolution erfolgten Mordes an die Lebensabschnittgefährtin Petra Kelly und den Selbstmord steht noch aus.