Nachdem vor einigen Wochen mein Buch „Das Kreuz mit dem C“ erschien, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel sich immer wieder pointiert zum christlichen Profil ihrer Partei geäußert. Das ist erfreulich, allerdings darf man den Eindruck gewinnen, dass Merkels Verbeugung vor dem konservativen Teil der Volkspartei eher eine Placebo-Wirkung erzielen sollen. Es fehlt der CDU-Vorsitzenden und Kanzlerin die Glaubwürdigkeit, die Parteimitglieder ausschließen lässt, dass ihrer Betonung christlicher Parteiwurzeln nicht das Verfallsdatum 27. September 2009, 18:01 Uhr innewohnt.
Angela Merkel wird wohl auch weiterhin die einst treuesten Stammwähler der Union ignorieren und auf die Kraft des C verzichten. Denn in den vergangenen Jahren hat man von dem jetzt betonten C bei Merkel nichts gehört oder gespürt. Deshalb muss man die Kanzlerin fragen: Frau Merkel, wie ernst ist Ihnen dieses C eigentlich wirklich? Gelten Ihre Aussagen auch nach der Wahl?
Es ist schon bemerkenswert, dass die Union nicht nur bei den Europawahlen den größten Wählereinbruch bei den katholischen Christen hatte und dass diese Abwanderung bei den Landtagswahlen noch stärker geworden ist. Im Saarland etwa büßte die CDU bei den Katholiken mit einem Minus von 15 Prozent überdurchschnittlich viele Stimmen ein.
Um keine Missverständnisse zu schaffen: Die Ohrfeige für die Union an der Saar und im Freistaat Thüringen hat viele Gründe. Einer davon ist der, dass die Union unter ihrer amtierenden Chefin das C hat verkümmern lassen.
Worin, bitte, liegt denn der Mehrwert dieser Partei noch? Worin unterscheidet sie sich?
Man sagt, Angela Merkel sei der beste Grund, CDU zu wählen. Mag sein. Tatsächlich sind für viele heute Merkel und Union Synonyma. Austauschbegriffe. Viele wählen die Union, weil es Merkel gibt. Was aber passiert mit dieser Partei, wenn es eines Tages Merkel nicht mehr geben wird? Wenn heute Merkel der Grund ist, CDU zu wählen – warum sollte man sie dann wählen?
Frisst das Karrieremodell Merkel das Profil einer Partei?
In den letzten Wochen dieses Wahlkampfes bleiben viele Fragen unbeantwortet: Wofür steht Angela Merkel – außer für sich selbst? Was verbindet die C-Chefin mit dem C? Welche Grundsätze hat sie wirklich? Es sieht alles danach aus, dass sie wieder Kanzlerin wird. Dann stehen diese Fragen zunächst einmal nicht mehr auf der Tagesordnung. Doch sie stehen weiter im Raum. Nutzt Merkel, von der man gelegentlich den Eindruck gewinnt, sie taumele in einem Überzeugungsnirwana, die Chance, der inhaltlichen Entleerung entgegenzuwirken und den lange vorhandenen Mehrwert wieder in das Zentrum dieser einzigartigen politischen Partei zu stellen?
WIR haben die Kraft, so lautet der Wahlslogan der Union. Wer ist WIR? Und welche Kraft ist gemeint? Wessen Kraft? Es wäre fahrlässig von Angela Merkel, das WIR ohne die Kraft des C zu wollen. Die CDU ohne das C ist auf Dauer kraftlos.
*Martin Lohmann (52) ist katholischer Publizist, Journalist und Stellvertretender Vorsitzender der Joseph-Höffner-Gesellschaft. Soeben erschienen ist sein Buch „Das Kreuz mit dem C. Wie christlich ist die Union?“(14.90 € bei Butzon & Bercker).


Kommentare